Fremdenfeindlichkeit im Uni-Alltag

In ganz Europa gewinnen rechtspopulistische Parteien mit zum Teil rassistischen Äußerungen zunehmend an Einfluss. Studien zufolge sinkt die Neigung zu Fremdenfeindlichkeit mit steigendem Bildungsniveau. Dass Fremdenfeindlichkeit aber auch im Uni-Alltag immer wieder auftaucht, zeigen zwei studentische Initiativen.

Foto: ©Aylin Fuchs

Zum Abschluss eines Rassismus-Projekts des Kölner AStAs wurde Mitte Januar dieses Jahres eine Online-Umfrage gestartet. Ziel war es, konkrete Problemfelder an der Universität offen zu legen. Laut dem AStA-Vorstandsmitglied Katharina Letzelter sind die ersten Ergebnisse "erschreckend". So äußerte sich von den rund 1660 Befragten eine Vielzahl von Studierenden rassistisch oder nationalistisch, was sich vor allem in den abschließenden, offenen Fragen gezeigt habe. Rund 10 Prozent nutzten die offene Kategorie um Parolen wie "Alle Muslime raus", "Durch die Internationalisierung gehen unsere deutschen Werte verloren" oder, wenn nach einem Zufallsprinzip Homosexualität die erste Antwortmöglichkeit für die eigene sexuelle Orientierung anzeigt wurde, "Sind Homos was Besseres? Warum werden die als Erstes gelistet? So weit kommt es schon…" mitzuteilen. Der AStA betont, dass die Online-Umfrage nicht repräsentativ ist. Bilden die ersten Ergebnisse also ein Zerrbild ab oder steckt mehr dahinter?

Ende des vergangenen Jahres startete die Hochschulgruppe "People of Color" der Universität Mainz eine Twitter-Aktion. Unter dem Hashtag #CampusRassismus sind seitdem Studierende deutschlandweit dazu aufgerufen, von ihren Erfahrungen mit Diskriminierung an der Hochschule zu berichten. Zu den Geschichten in 140 Zeichen gehören solche wie die von Emine Aslan, der von einem Soziologie-Professor an den Kopf geworfen wurde, sie sei selbst daran schuld, dass sie diskriminiert werde, nicht die anderen. Jemand anderes berichtete davon, dass ein Professor in der letzten Stunde vor der Klausur erwähnte, er erkenne schon am Nachnamen wer durchfalle und wer nicht. Eine andere Studentin erinnert sich an ein Journalistik-Seminar, in der die Seminarleiterin ihr Aufzeigen mit den Worten kommentierte "Ach die Ausländerin sagt es uns".

Die Initiatoren werten die Aktion als Erfolg, denn sie mache den alltäglichen Rassismus an deutschen Hochschulen sichtbar und sensibilisiere dafür. Die Aktion zeige aber auch den Rassismus im Netz. Nachdem die Sozialwissenschaftlerin Amina Yousaf beispielsweise ihre Diskriminierungserfahrung auf Twitter teilte, erhielt sie Nachrichten wie "Du Schlampe, ich weiß, wo du studierst, pass' besser auf." Und nicht nur Yousaf wurde beschimpft. Sogenannte Trolle meldeten sich bereits wenige Tage nach dem Start der Aktion bei Twitter ebenfalls zu Wort. Sie wiesen die geschilderten Erfahrungen zurück, bedrohten die Twitter-User oder forderten sie auf, dankbar dafür zu sein, dass sie studieren dürfen.

Die studentischen Initiativen machten exemplarisch fremdenfeindliche Einstellungen an den Universitäten Mainz und Köln sichtbar.  Aber wie verbreitet diskriminierende Denkfiguren unter Studierenden auch an anderen Hochschulen sind, dazu gibt es kaum empirische Forschungsergebnisse. Prof. Dr. Wassilis Kassis von der Universität Osnabrück führte dazu 2013 die erste internationale Studie an einer deutschen Hochschule durch, die 2015 auf insgesamt zehn Länder mit 16 Universitäten (Deutschland, Griechenland, Italien, Kanada, Österreich, Polen, Russland, Schweiz, Ukraine, Ungarn) erweitert wurde. Es zeigte sich, dass Fremdenhass weder ein deutsches Phänomen ist, noch nur ein Problem der Geringgebildeten. Vielmehr habe an allen Universität in allen untersuchten Ländern eine Mehrheit von Studierenden fremdenfeindliche Vorurteile gegen Muslime, Juden, Ausländer und Homosexuelle.

Laut dem Erziehungswissenschaftler haben "menschenfeindliche Einstellungen noch nie vor den Universitätstoren Halt gemacht". Rechtspopulistische Bewegungen wie Pegida seien deshalb "auch im Seminarraum. Und das nicht nur in der Rolle der Studierenden, sondern auch in der Rolle der Lehrenden", so Kassis. Anders als häufig angenommen, helfe formale Bildung, Fachkompetenz, also nicht gegen Menschenfeindlichkeit. Für ein demokratisches Miteinander mit und unter den Studierenden seien dem Forscher zufolge eher demokratische Tugenden nötig.

Universitäten haben als zentrale Bildungseinrichtungen die Möglichkeit, diese Einstellungen zumindest teilweise zu beeinflussen. So können Projekte, die auf eine diskriminierungsfreie Hochschule abzielen, in der Chancen gleich verteilt sind oder Projekte, die die Vielfalt der Menschen an der Hochschule als Bereicherung kommunizieren und eine Reflexion der eigenen Vorurteile anregen, zu einem demokratischeren Miteinander beitragen.

Links

Ganter, Stephan/Esser, Hartmut (1999): Ursachen und Formen der Fremdenfeindlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland. URL: http://library.fes.de/fulltext/asfo/00256toc.htm (abgerufen 09.08.2016)

Gerstlauer, Anne-Kathrin (2015): "Du Schlampe, ich weiss, wo du studierst“. URL: http://www.zeit.de/studium/uni-leben/2015-12/campus-rassismus-universitaet (abgerufen 30.06.2016).

Leister, Annika (2016): Wie rassistisch denken deutsche Studenten? Eine Umfrage an der Uni Köln schockt den Asta. URL:

http://www.bento.de/politik/vorurteile-an-der-uni-wie-denken-studenten-ueber-pegida-und-fluechtlinge-371799/ (abgerufen 30.06.2016).

Lüpke-Narberhaus, Frauke (2015): "Ich erkenne schon am Nachnamen, ob jemand durchfällt". URL: http://www.bento.de/today/campus-rassismus-studenten-erzaehlen-von-alltagsrassismus-194006/ (abgerufen 30.06.2016).

Kaur Matta, Puja (2015): #CampusRassismus - "Sie sind Schuld, dass Sie diskriminiert werden". URL: http://www.huffingtonpost.de/puja-matta/campusrassismus-alltagsrassismus-universitaet_b_8826218.html (abgerufen 30.06.2016).

Wassilis, Kassis/Schalli´e, Charlotte (2013): The Dark Side of the Academy: Antisemitism in Canadian and German Students. In: Journal for the Study of Antisemitism 5(1): 63 – 91.

 

 

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